Warum GFK nicht bedeutet, immer ruhig zu bleiben

Wer sich mit Gewaltfreier Kommunikation beschäftigt, begegnet früher oder später einem hartnäckigen Missverständnis: Menschen, die GFK leben, sind immer ruhig. Immer gelassen. Immer verständnisvoll. Sie werden nie laut, schimpfen nicht und reagieren selbst in stressigen Situationen mit engelsgleicher Geduld.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kenne niemanden, auf den das dauerhaft zutrifft.

Mich eingeschlossen.

Denn Gewaltfreie Kommunikation bedeutet nicht, keine Gefühle mehr zu haben. Im Gegenteil. Sie lädt uns ein, unsere Gefühle überhaupt erst wahrzunehmen. Sie ernst zu nehmen. Und ihnen Ausdruck zu verleihen.

Auch dann, wenn sie laut sind.

Die Giraffe hat Gefühle – viele Gefühle

In der Gewaltfreien Kommunikation steht die Giraffe symbolisch für eine Haltung von Mitgefühl, Verbindung und Menschlichkeit.

Doch manchmal entsteht daraus das Bild einer sanften, stets ausgeglichenen Giraffe, die geduldig lächelnd durchs Leben schreitet und niemals die Fassung verliert.

Ganz ehrlich?

So erlebe ich das Leben nicht.

Es gibt Tage, an denen ich erschöpft bin.
Tage, an denen mir alles zu viel wird.
Tage, an denen ich frustriert, überfordert oder genervt bin.

Und manchmal verschafft sich das auch hörbar Ausdruck.

Nicht, weil ich ein schlechter Mensch bin.
Nicht, weil ich Gewaltfreie Kommunikation nicht verstanden habe.

Sondern weil ich ein Mensch bin.

Die Gewaltfreie Kommunikation wurde von Marshall Rosenberg entwickelt und wird heute weltweit durch das Center for Nonviolent Communication weitergetragen. 👉🏼 https://www.cnvc.org/


Der Unterschied liegt nicht in der Lautstärke

Was mir an der Gewaltfreien Kommunikation so gefällt, ist, dass sie Gefühle nicht bewertet doer entwertet.

Wut ist nicht falsch.
Frust ist nicht falsch.
Enttäuschung ist nicht falsch.

Die Frage ist vielmehr:

Was mache ich damit?

Hier liegt für mich der entscheidende Unterschied zwischen einem Wolfschrei und einem Giraffenschrei.

Ein Wolfschrei richtet sich gegen den anderen.

„Nie hörst du zu!“
„Immer muss ich alles alleine machen!“
„Du bist unmöglich!“

Der Schmerz wird nach außen geschleudert und mit Vorwürfen verbunden.

Ein Giraffenschrei dagegen bleibt bei mir.

Er könnte sich vielleicht so anhören:

„Aaaah! Ich kann gerade nicht mehr!“
„Ich bin so erschöpft!“
„Mir ist das gerade alles zu viel!“
„Ich brauche Unterstützung!“

Auch das kann laut sein.

Sehr laut sogar.

Aber es greift niemanden an.

Wenn du tiefer verstehen möchtest, wie Verbindung durch echtes Zuhören entsteht, findest du mehr dazu in meinem Artikel „Zuhören wie Momo“.


Ehrlicher Ausdruck ist nicht das Gegenteil von Mitgefühl

Lange Zeit dachte ich, ich müsste möglichst ruhig bleiben.
Möglichst verständnisvoll.
Möglichst souverän.

Doch oft bedeutete das vor allem eines:
Ich hielt meine Gefühle zurück.
Ich funktionierte.
Ich biss die Zähne zusammen.
Überging mich selbst.

Und irgendwann kamen die Gefühle trotzdem heraus. Meist nicht besonders elegant.

Heute sehe ich das anders.
Gefühle wollen nicht bekämpft werden.
Sie wollen wahrgenommen werden.

Wenn ich merke, dass in mir Frust, Wut oder Überforderung lebendig sind, dann darf das einen Platz bekommen.

Nicht auf Kosten anderer. Aber auch nicht auf meine Kosten.

Die Giraffe darf schreien

Das ist vielleicht einer der entlastendsten Gedanken, die ich aus der Gewaltfreien Kommunikation mitgenommen habe:

Die Giraffe darf schreien.

Sie darf laut sein.

Sie darf verzweifelt sein.

Sie darf wütend sein.

Sie darf sich überfordert fühlen.

Was sie nicht tut: den anderen dafür verantwortlich machen.

Sie bleibt mit sich selbst verbunden.

Mit ihren Gefühlen.

Mit ihren Bedürfnissen.

Mit dem, was gerade in ihr lebendig ist.

Und genau das macht den Unterschied.

Sanft mit mir sein, wenn es passiert

Manchmal gelingt mir das gut.

Manchmal weniger.

Manchmal merke ich erst hinterher, dass ich eigentlich schon längst über meine Grenze gegangen war.

Dann kommt oft noch ein weiteres Gefühl dazu:

Bedauern.

Vielleicht kennst du das auch.

Der Moment, in dem du denkst:

„So wollte ich eigentlich nicht reagieren.“

Früher hätte ich mich dafür verurteilt.

Heute versuche ich etwas anderes.

Ich darf bedauern, was passiert ist.

Und gleichzeitig darf ich verstehen, warum es passiert ist.

Vielleicht war ich müde.

Vielleicht war mein Bedürfnis nach Unterstützung, Ruhe oder Entlastung schon lange unerfüllt.

Vielleicht war mein Nervensystem einfach am Anschlag.

Das entschuldigt nicht alles.

Aber es hilft mir, menschlich mit mir selbst zu bleiben.

Gewaltfreie Kommunikation beginnt nicht mit Perfektion

Je länger ich mich mit Gewaltfreier Kommunikation beschäftige, desto weniger geht es für mich darum, alles richtig zu machen.

Es geht nicht darum, perfekt zu kommunizieren.

Es geht nicht darum, niemals laut zu werden.

Und auch nicht darum, immer die richtigen Worte zu finden.

Für mich beginnt Gewaltfreie Kommunikation dort, wo ich ehrlich werde.

Wo ich wahrnehme, was in mir lebendig ist.

Wo ich Verantwortung für meine Gefühle übernehme.

Und wo ich mich selbst nicht verliere – weder im Funktionieren noch in der Selbstkritik.

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung

Vielleicht bedeutet Gewaltfreie Kommunikation nicht, immer ruhig zu bleiben.

Vielleicht bedeutet sie vielmehr, auch in stürmischen Momenten mit sich selbst verbunden zu bleiben.

Die eigene Wut wahrzunehmen.

Die eigene Erschöpfung ernst zu nehmen.

Die eigenen Bedürfnisse nicht länger zu übergehen.

Und wenn die Giraffe einmal schreit?

Dann darf sie schreien.

Vielleicht nicht perfekt.

Vielleicht nicht elegant.

Aber menschlich.

Und genau dort beginnt für mich echte Gewaltfreie Kommunikation. 🌿

Mit Herz,
Melanie Lockenvitz – Räume für Wandel
Coachin für Gewaltfreie Kommunikation & LilaLiebe®-Beraterin nach Kathy Weber | Pädagogin | Fachkraft für Integration | Dreifach-Mutter im Patchwork

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