Manchmal merken wir erst im Abschied, wie kostbar etwas war.

Der letzte Ferientag.
Der letzte Abend in einer vertrauten Wohnung.
Ein Gespräch, von dem wir nicht wussten, dass es das letzte sein würde.
Eine Lebensphase, die leise zu Ende geht.

Oft erkennen wir den Wert eines Moments erst dann, wenn er vorbei ist.

Und manchmal frage ich mich:

Was wäre, wenn wir schon heute würdigen würden, was wir irgendwann vermissen werden?

Für mich hat diese Frage viel mit Gewaltfreier Kommunikation zu tun. Denn GFK lädt uns ein, wahrzunehmen, was gerade lebendig ist. Sie hilft uns, bewusster mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit dem Leben umzugehen. Nicht erst rückblickend. Sondern mitten im Moment.

Die vielen kleinen Abschiede des Alltags

Wenn wir an Abschied denken, denken wir oft an die großen Veränderungen im Leben.

An Trennungen.
An Umzüge.
An den Abschied von geliebten Menschen.

Doch unser Alltag besteht aus viel mehr Verabschiedungen, als uns bewusst ist.

Besonders als Eltern.

Von dem Moment an, in dem ein Kind geboren wird, beginnt eine Reise voller kleiner Abschiede.

Wir verabschieden uns von der Zeit, in der es auf unserem Arm einschläft.

Von den ersten tapsigen Schritten.

Von Gute-Nacht-Ritualen, die irgendwann nicht mehr gebraucht werden.

Von kleinen Händen, die selbstverständlich nach unseren greifen.

Von Fragen, auf die wir meist die Antworten kannten.

Es sind keine traurigen Abschiede. Im Gegenteil.

Sie erzählen von Wachstum.

Und trotzdem berühren sie uns.

Weil wir spüren, dass das Leben weitergeht.

Würdigen statt festhalten

Vielleicht liegt die Kunst nicht darin, festzuhalten.

Denn das können wir ohnehin nicht.

Kinder werden größer.

Menschen verändern sich.

Lebensphasen kommen und gehen.

Die Gewaltfreie Kommunikation erinnert mich immer wieder daran, dass Leben Bewegung bedeutet.

Würdigen heißt deshalb nicht, etwas festzuhalten.

Würdigen bedeutet für mich, bewusst wahrzunehmen:

Das ist gerade da.

Das ist wertvoll.

Das bedeutet mir etwas.

Es geht nicht darum, den Moment einzufrieren.

Sondern ihn wirklich zu erleben.

Hinter jedem Abschied steckt etwas Kostbares

Wenn uns ein Abschied berührt, dann oft deshalb, weil etwas Wichtiges erfüllt wurde.

Vielleicht war da Nähe.
Vielleicht Zugehörigkeit
Sicherheit.
Leichtigkeit.
Liebe.
Vertrauen.

In der Gewaltfreien Kommunikation schauen wir hinter das, was sichtbar ist.

Und auch hinter einem Abschied steckt oft etwas Unsichtbares:
Ein Bedürfnis, das erfüllt wurde.
Ein Mensch, der unser Leben bereichert hat.
Eine Zeit, die uns wachsen ließ.

Vielleicht schmerzt das Loslassen deshalb manchmal.

Nicht, weil etwas falsch ist.

Sondern weil etwas bedeutsam war.

Demut für das, was gerade da ist

Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der wir oft schon beim Nächsten sind.

Die nächste Aufgabe.

Der nächste Termin.

Das nächste Ziel.

Und dabei übersehen wir manchmal die kleinen Geschenke des Alltags.

Den gemeinsamen Spaziergang.

Das Lachen am Küchentisch.

Die Umarmung vor der Schule.

Das Gespräch am Abend.

Momente, die selbstverständlich wirken.

Bis sie es nicht mehr sind.

Für mich hat Würdigen deshalb viel mit Demut zu tun.

Nicht im Sinne von Verzicht oder Bescheidenheit.

Sondern als tiefe Wertschätzung dafür, dass etwas gerade da ist.

Dass ich es erleben darf.

Dass es nicht selbstverständlich ist.

Wenn wir auf unser Leben zurückschauen, wird oft deutlich, was wirklich wichtig war – nicht im Sinne von Leistung, sondern im Sinne von gelebtem Leben, Beziehung und Authentizität.

Vielleicht hilft uns auch ein Blick auf die Erfahrungen der australischen Palliativpflegerin Bronnie Ware. In ihrem bekannten Beitrag „Regrets of the Dying“ beschreibt sie, welche Gedanken Menschen am Ende ihres Lebens am häufigsten bewegen. Es sind nicht die unerledigten To-do-Listen oder der berufliche Erfolg, die sie bereuen. Viel häufiger wünschen sie sich, mutiger nach den eigenen Werten gelebt, Gefühle ausgedrückt und Beziehungen bewusster gepflegt zu haben. Dieser Gedanke erinnert mich daran, wie wertvoll es ist, das Heute zu würdigen, bevor es zur Erinnerung wird. Regrets of the Dying

Räume für Wandel entstehen im Hier und Jetzt

Der Name meiner Website lautet „Räume für Wandel“.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Wandel nicht erst dann beginnt, wenn etwas endet.

Wandel geschieht jeden Tag.

Ganz leise.

Fast unbemerkt.

In unseren Beziehungen.

In unseren Kindern.

In uns selbst.

Vielleicht brauchen wir deshalb nicht nur Mut für Veränderungen.

Vielleicht brauchen wir auch die Bereitschaft, das Gegenwärtige wirklich wahrzunehmen.

Denn nur was wir sehen, können wir würdigen.

Und nur was wir würdigen, können wir irgendwann leichter loslassen.

Vielleicht beginnt Würdigen mit einem Blick

Vielleicht ist Würdigen keine große Übung.

Vielleicht beginnt es mit einem kurzen Innehalten.

Mit einem bewussten Atemzug.

Mit einem Blick auf einen Menschen, der uns wichtig ist.

Mit dem Gedanken:

Wenn ich diesen Moment irgendwann vermissen werde – kann ich ihn heute schon wertschätzen?

Für mich ist das eine zutiefst gewaltfreie Haltung.

Sie verbindet mich mit dem, was gerade lebendig ist.

Mit Dankbarkeit.

Mit Demut.

Mit dem Leben selbst.

Und vielleicht entstehen genau dort die Räume für Wandel.

Nicht, weil wir krampfhaft loslassen.

Sondern weil wir gelernt haben, den Augenblick liebevoll zu empfangen – und ihn genauso liebevoll wieder gehen zu lassen.

-Mehr über diesen Perspektivwechsel findest du in meinem Artikel über „Die innere Oma“, in dem es darum geht, das eigene Leben aus einer liebevollen Zukunftsperspektive zu betrachten und zu fragen, was wirklich zählt, wenn wir einmal zurückschauen.
👉 https://raeumefuerwandel.com/die-innere-oma-weiss-laengst-was-wirklich-zaehlt/

Mit Herz,
Melanie Lockenvitz – Räume für Wandel
Coachin für Gewaltfreie Kommunikation & LilaLiebe®-Beraterin nach Kathy Weber | Pädagogin | Fachkraft für Integration | Dreifach-Mutter im Patchwork

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